Aus dem Leben des kurhessischen Pfarrers und Metropolitans Bernhard Beß. Jugendzeit nebst Reise nach Nordamerika und Aufenthalt daselbst (Mai 1841-Sommer 1846), von ihm selbst aufgezeichnet in Escheberg im Laufe des Jahres 1893. (Bernhard Beß)
Bernhard Beß, ein Sohn des schönen Ortes Nentershausen bei Sontra, berichtet über seine Jugendzeit. Wir erfahren dabei viel über das damalige, mühsame Leben in Hessen. Kurz vor seinem Tode begann er am 3. Juni 1893 diese Aufzeichnungen. Sie geben einen Einblick in das einfache Leben von vor 150 Jahren, die Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten, das freundschaftliche Verhältnis zu den polnischen Flüchtlingen u.v.m. Besonders eindrucksvoll sind die Ausführung über seine mehrjährige Tätigkeit als Privatlehrer ab 1841 in Nordamerika. Bernhard Beß lernte zunächst die Südstaaten kennen, in denen damals noch die Sklaverei herrschte, die er verabscheute und die ihm ein Verbleiben dort unmöglich machte.
Bevor er nach Deutschland zurückkehrte, unterrichtete er noch ein Jahr lang Privatschüler in Neu York, u. a. die Kinder des berühmten John Jacob Astor.
Nach über 100 Jahren werden diese sozial- und zeitgeschichtlich interessanten Aufzeichnungen nun der Öffentlichkeit vorgelegt.
126 S., A5, engl. Broschur, 23 Abb., 1 genealogische Tafel, Personen- und Ortsverzeichnis, EURO 19,90. - ISBN 978-3-934249-07-3
Auszüge aus den Seiten 16, 90-92, 101-103:

... Ehe ich Herbst 1831 aufs Gymnasium nach Hersfeld ging, wurde ich zu Pfingsten konfirmiert von einem sehr milden, freundlichen, mir sonderlich gewogenen Pfarrer. Das tat dem kindlichen Gemüt gegen die sonstige Strenge, die ich besonders in der Schule erfuhr, sehr wohl - aber eine Erkenntnis im Christentum gab es in der Konfirmationsstunde nicht. Ich trat im Gymnasium in die Obertertia ein. Ich kam zu meinem Bruder Heinrich, der Primaner war. Aus dem ersten, dem Winterhalbjahr, ist mir noch wohl erinnerlich, daß ich den Abiturienten, die mit uns in einem Hause wohnten, regelmäßig morgens um 3 - 4 Uhr aus eigenem Antrieb im kalten Winter das Feuer anmachte, wo von Seiten jener tüchtig gearbeitet wurde. Sobald der Kaffee, den ich kochte, gar war, rührte dann einer der Abiturienten, ein vorzüglicher Pianist, ein Viertelstündchen lang in aller Herrgottsfrühe das Instrument, was ich mir als Lohn zurechnete für meine dargebrachten Leistungen. Sonst blieb ich ein stiller, bescheidener Dorfjunge, der innerlich erschrak, wenn der Lehrer auf dem Katheder in der Geschichtsstunde vom Mord des Bessus an dem persischen König Darius Codomannus mit laut erhobener Stimme und weit geöffneten, auf mich gerichteten Augen ausrief: „Bessus, so hieß das Ungetüm!" ...
In den Südstaaten Amerikas: ... Wohltuend schienen auch die sog. Campmeetings zu wirken. Sie wurden fleißig besucht und sind mir noch in lebhafter Erinnerung. Wir ritten gewöhnlich sonntags hin, wenn der Platz nicht allzu schwer zu erreichen war. ... Bald hörte man unter der Predigt aus der aufmerksam lauschenden Menge hinter und neben oder vor sich tiefe, unterdrückte Seufzer, bald machten sich diese auch Luft mit lautem Stöhnen und Rufen: „O Lord! Lord have mercy!" und anderen Rufen. Darunter steigerte sich der Eifer des Predigers, der in seinem monotonen Predigtfall (ranting) immer gewaltiger seine Aufforderung zur Buße unter Schilderung der Gefahren des unbußfertigen Standes und unter heftiger Gestikulationen und Gebärden in die aufgeregte Versammlung hineinwarf. Unter den weiten Ästen der dickbelaubten, herrlichen Bäume, wo nur hier und da ein Sonnenstrahl durchzudringen vermochte, wurde es in der großen Versammlung immer lauter ringsum von gebetsartigen Ausrufungen. Immer erregter wurden die Gemüter, immer lauter die Äußerungen dieser Erregung, bis irgendwo ein besonders ausdrucksvoller Liedervers angestimmt wurde, und ganze Teile der Versammlung laut in das Lied einstimmten. Dabei wurden auch jene Rufe 'O Lord! Lord have mercy!' immer lauter, immer eifriger. All diesen Lärm suchte der Prediger zu übertönen mit dem einförmigen Tonfall seiner Predigtstimme. Es lief mir wie Eiskälte und wie Glühhitze über den ganzen Körper. Heraus konnte man nicht. War es ein Wunder, daß hier und da Zuhörer, besonders junge Leute, unter heftigen Zuckungen zur Erde fielen und laut ihre Sünden bekannten und unter heftigen Selbstanklagen ihr Angesicht und ihren Körper zerschlugen? Solche wurden dann aufs Stroh gebracht. ...
... New York. - Ich mietete mich in einem Boardinghouse an der Battery am Ende von Broadway ... ein. Im Boardinghouse lebt eine ganz zusammengewürfelte Gesellschaft bei gemeinsamem Breakfast, Dinner, Tea. Manche lassen auch wie ich das Dinner aus und speisen draußen. Man sitzt zusammen, hat ein gemeinsames parlour, alles sehr anständig, aber keiner kennt den anderen, keiner spricht mit seinem Nachbarn, man langt zu beim Essen, läßt sich von der Hauswirtin seinen Tea reichen, ißt und trinkt in beschleunigtem Tempo, nimmt gar keine Notiz voneinander, nicht einmal vom Nachbarn oder Nachbarin, bei denen man täglich dreimal sitzt. ... Meine Tätigkeit war die eines Privatlehrers. ... Dann eilte ich zur Bahnstation, setzte mich in die Eisenbahn, fuhr weit hinaus vor die Stadt, nahm endlich einen Omnibus und kam zu anderen Schülern, Enkel des damaligen Krösus John Jakob Astor, geschätzt auf etwa 30 Millionen Vermögen. ... Er war als armer Junge vor Jahren aus dem Darmstädtischen nach Neuyork gekommen. ... Ich verkehrte auch zuweilen mit ihm. Er brachte mir immer selbst meine wöchentliche Zahlung, ich glaube, es waren 5 Dollar. Der reiche Mann konnte die kleine Gabe bzw. Zahlung nicht einem anderen anvertrauen. Es war eben auch Geschäft, und das ging alles durch seine Hand. ...