"Historische und andere Erlebnisse aus drei Jahrhunderten"

Band 3
Meine Lebenserinnerungen (Niklot v. Blücher)
Niklot v. Blücher (1901-1977) führt den Leser humorvoll durch sein abwechslungsreiches Leben. Lustige Anekdoten aus seiner Kindheit und Jugendzeit lassen uns die Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebendig werden. Als Dipl.-Kolonialwirt wandert er 1923 nach Niederländisch-Indien aus, um sich zunächst dem Anbau von Kaffe und Chinarinde zu widmen. Mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt er die Arbeits- und Denkweise der dortigen Bevölkerungsgruppen sowie die Arbeitsbedingungen in den Tropen. Nach jahrelanger Internierung im 2. Weltkrieg in Indien wird er völlig mittellos in Deutschland angelandet, wo er sich in Marburg ein neues Leben aufbaut.

144 S. A5, 21 Abb., 1 genealogische Tafel, fester Einband, EUR 20,35, ISBN 3-934249-04-3
Auszüge:

Volontär auf Soemberagong/Java
Superintendent Voûte beschloß damals, mich als Volontär nach den Plantagen Kandangan-Panggoongsari, die Kaffee und Chinarinde anbauten, zu schicken. Mit der Bahn fuhr ich nach Madioen. An der Peripherie dieser Stadt lag Kawedoesan, eine Niederlassung von Panggoongsari-Kandangan, wo der Agent wohnte und die Lastpferde der Plantagen, wenn sie die Produkte in die Stadt brachten, versorgt und die Produkte zu Weltmarktballen umgepackt wurden. Dort im Übernachtungshaus schlief ich die Nacht.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Agenten und einem großen Betrag Lohngeldern im Auto nach Kewiran. Dort wurde das Geld auf Lastpferde geladen. Der Agent verließ mich, und ich mußte mit der Pferdekolonne mitreiten. Nach vier Stunden kamen wir in Kempo, dem Hauptsitz von Kandangan, wo auch Hoofdadministrateur van Vollenhoven wohnte, an. Van Vollenhoven regierte dort wie ein Fürst und herrschte autokratisch über dem europäischen Personal und den Eingeborenen. Im Hause hatte er aber nichts zu sagen. Dort regierte seine Frau, die zwölf Jahre älter war, eine hohe Perücke trug und so schwerhörig war, daß man durch ein Hörrohr sprechen mußte. Von den Eingeborenen wurde der Hoofdadministrateur mit Tuan kwoso angeredet, das heißt: "Der Herr, der die Macht hat".
Einige Erlebnisse, die ich später mit van Vollenhoven hatte, charakterisieren diesen Menschen. Als ich Assistentemployé war, rief mich van Vollenhoven eines Tages zu sich und verkündete mir, daß man beschlossen habe, mir eine selbständige Abteilung (Vorwerk) zu übergeben. Er erklärte mir mit viel Pathos, daß dieser Schritt der größte und schwierigste in der ganzen Pflanzerlaufbahn sei. Am Ende der langen Rede sagte er mir, daß das Gehalt das selbe bliebe, da diese Versetzung auf eine Europabeurlaubung eines Herrn des Stabes zurückzuführen sei. Ich äußerte zum Schluß, daß ich erfreut über die mir gestellte neue Aufgabe wäre, aber bedankte mich nicht, da es ja keine reine Beförderung mit höherem Gehalt, sondern nur eine längere Stellvertretung war.
Am nächsten Morgen traf ich van Vollenhoven zu Pferde an einer Wegkreuzung. Er stellte mich zur Rede und tadelte mich, weil ich mich für die Beföderung nicht bedankt hätte. Aus Klugheit sagte ich, daß ich meinen Dank nun nachholen würde. Mit der Bemerkung: "Nun ist es zu spät" wendete er sein Pferd auf der Hinterhand und - wie auf dem Theater - verschwand er im Galopp. Aber die Versetzung wurde nicht zurückgezogen.
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Leiter auf Pentoor/Java
Ich selbst wurde im August 1926 auf die Kaffee-, Tee- und Chinarindenplantage Melambong bei Salatiga in Mitteljava versetzt und dort Leiter des Vorwerkes Pentoor. Dort verlebte ich wohl meine schönsten Pflanzerjahre. Vom Hause am Hang des erloschenen Vulkanes Merbabu in etwa 1150 m Höhe hatte man eine herrliche Aussicht in die Tiefebene bis zur etwa 60 km entfernten Nordküste am Horizont. Morgens kurz vor Sonnenaufgang hörte man das ferne Hähnekrähen aus den Dörfern unten, und dann kam die Silhouette des Berges Lawoe im Osten zum Vorschein.
Ich hatte verhältnismäßig große Selbständigkeit in der Arbeit. Das Vorwerk erstreckte sich von 1000 - 1800 m. Alle drei Gewächse Kaffee, Tee und Chinarinde wurden angebaut. Außerdem waren große Areale urbar zu machen. Ich besaß zwei Reitpferde, mein Lieblingspferd Slamet, einen sehr hübschen Schimmelhengst, und einen sehr kräftigen zähen Falben, den ich schon von Panggoongsari mitgebracht hatte. Wie überall habe ich auch hier viel für meinen Garten getan. Neben tropischen Gewächsen hatte ich viele europäische Blumen angepflanzt, die in diesem Höhenklima gut gediehen. Ich besaß viele Haustiere z.B. einen Affen, Ziegen, Kaninchen, Tauben, Kanarienvögel und Aquariumfische, und eine große Bibliothek und habe in meinen freien Stunden viel gelesen. Häufig war ich viele Tage alleine, d.h. ohne einen anderen Europäer zu sehen. Natürlich war ich sehr erfreut, wenn Besuch kam.
Mein Chef, der auf der Hauptabteilung auf 800 m wohnte, war van Sandick, ein Mann aus sehr guter Familie - sein Bruder war Gouverneur von Westjava. Er hatte nicht nur sehr gute Umgangsformen, sondern auch einen sehr anständigen Charakter. Seine europäischen Untergebenen besaßen sein vollständiges Vertrauen. Manche haben es mißbraucht.
Leider wurde er schon 1927 pensioniert, da er die Altersgrenze erreicht hatte. Mit Tränen in den Augen verließ er sein geliebtes Melambong. Der auch von der einheimischen Bevölkerung sehr geschätzte Chef erhielt von ihr einen Spazierstock mit einer Krücke javanischer Silberschmiedearbeit. Er kehrte nach Holland zurück und ist dort, glaube ich, einige Jahre nach dem 2.Weltkrieg gestorben.
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Auf Halaban/Sumatra
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Die Arbeitsweise unterschied sich in vieler Beziehung von der auf Java. Die Hälfte der Arbeiter waren Javaner, sogenannte Kontraktanten, die einen zweijährigen Arbeitskontrakt abgeschlossen hatten. Es herrschte also ein beinahe militärischer Drill. Auf Java dagegen wurde mit vollkommen freien Arbeitern gewirtschaftet, die kommen und gehen konnten, wie sie Lust hatten. Ein großer Teil von ihnen arbeitete nur ganz vorübergehend auf den Plantagen, wenn gerade auf ihren eigenen Feldern wenig zu tun war.
Sie verschafften sich etwas Bargeld durch die Plantagenarbeit. Es kam sehr darauf an, sich mit den Dorfschulzen und Häuptlingen gut zu stehen und sich sehr in die Sitten, Wesensart und Gewohnheiten der Bevölkerung hineinzuversetzen. Ein weiteres Arbeitskontingent auf Halaban stellten die dort bodenständigen Minangkabau.
Es war notwendig, daß die Javaner und Minangkabau in vollkommen getrennten Kolonnen arbeiteten, da sie sich nicht gut verstanden. Die Javaner waren an ein Untertanenverhältnis durch ihre Fürsten auf Java gewöhnt. Zu anständigem Betragen gehörte es, daß sie in die Kniebeuge gingen, wenn sie mit einem redeten. Die Minangkabau standen, da sie durch ihre von alters her bestehenden Dorfdemokratien daran gewöhnt waren. Sie haben ganz eigenartige Familienverhältnisse.
Das Matriachat macht die Frau zum Haupt der Familie. Der Ehemann gehört nicht zur Familie seiner Frau, sondern zu der seiner Mutter und seiner Schwestern, wo er auch wohnt und arbeitet. Er ist nur Gast im Hause seiner Frau. Das Haus ist geräumig und die Wohnung einer Großfamilie und hat dementsprechend verschiedene Abteilungen. Die Landschaft von Westsumatra ist noch grandioser als die von Java, und es gibt dort keine so ausgeprägte trockene und nasse Jahreszeit."