"Historische und andere Erlebnisse aus drei Jahrhunderten"

Band 2
Tagebuch meiner Reise als Hofdame in den Orient (Baronin Elisabeth v. Blücher)
Baronin Elisabeth v. Blücher (1865-1947) schildert in ihrem Tagebuch die Hochzeitsreise des Prinzenpaares Adolf zu Schaumburg-Lippe in den Orient (1890 –1891). Sehr amüsant berichtet sie über ihre Erlebnisse: "Unserem Salonwagen fehlte es an Allem: Erst war kein Wasser da, dann ging die Heizung aus, und es gelang nur den vereinten Anstrengungen des Prinzen, des Courirs und des Heizers, die alle zusammen am Boden saßen, den Ofen wieder in Gang zu bringen. Dann warf ein zitternder Kellner der Prinzessin Messer und Gabel vor die Füße und nannte den Prinzen Majestät; endlich ging um ½ 8 das Gas im ganzen Wagen aus und herrschte äußerste Finsternis."

96 S. A5, 7 Abb., 2 genealogische Tafeln, fester Einband, EUR 17,80, ISBN 3-934249-02-7
Auszug:
Cairo, 5.1.1891, Montag.
Der Prinz auf Schakale nach Sakkara - wir wieder nach den Pyramiden. Nach dem Luncheon große Eselkavalkade, geradeaus in die Wüste, auf einen 1 Std. entfernten Palmenwald los, der aber der durchsichtigen Luft wegen viel näher erschien. Die hiesigen Esel sind sehr klein, aber stark und ausdauernd und laufen sehr geschwind, so daß ich mit der festen Überzeugung losritt, in kürzester Zeit unten zu liegen. Es ging aber über Erwarten, und ich fand die Sache sehr unterhaltend. Ein reizendes Bild war es außerdem, als wir nachher am Rande des Palmenwaldes mit seinen Riesenbäumen entlang trabten, vor uns die weite, stille Wüste, in der Ferne die Pyramiden.

Den Zug eröffnete der Kronprinz, dessen lange Beine fast neben seinem Eselchen herzulaufen schienen, mit grauer Brille und weißem Schlapphut - ein unbezahlbares Bild und dabei seelenvergnügt, denn er genießt Egypten augenscheinlich von ganzem Herzen und hat viel Schönheitssinn und Verständnis für das, was er sieht. Neben ihm ein alter Sheik zu Pferd mit weißem Turban. Gräfin De la Gardie hoch zu Kamel, das sie prachtvoll zu reiten versteht, mit einem riesigen Sonnenschirm bewaffnet, dann wir übrigen auf unseren Eselchen, dazwischen zahllose Eseljungen in ihren ci-devant weißen Hemden und dem Fez auf dem Kopf - ihre Thiere mit Geschrei antreibend - schließlich die Kronprinzessin in einem kleinen Korbwagen von soundsovielen Arabern umgeben. Dabei ein Wetter, wie bei uns im August d.h. die herrliche, reine, leichte Wüstenluft, strahlender Sonnenschein und ein tiefblauer, wolkenloser Himmel. Nun ging's in ein Beduinendorf, das zwischen Sand und Palmen auftauchte, und wo eben Markt war. Wie es da zuging, ist einfach nicht zu beschreiben! Verschleierte, aber sonst spärlich gekleidete Frauen, massenhafte Kinder, Esel, Hunde; dazwischen Händler am Boden kauernd mit ihren Waren, die großentheils aus einem Klumpen zusammengeklebter Datteln und Fliegen bestanden und - ein Schmutz, der alle Begriffe übersteigt. Ich wundere mich nicht mehr über die vielen kranken Augen, deren man hier mehr sieht als gesunde, wenn ich die Kinder und kleinen, auf den Schultern ihrer Mütter reitenden, Babies betrachte, deren Augen von Fliegen und Schmutz buchstäblich bedeckt sind. Einige bildhübsche kleine Mädchen fielen mir auf, mit großen dunklen Augen, langen Wimpern und regelmäßigen Zügen - aber das ist selten, da fast jedes Gesicht von Narben und schlimmen Augen entstellt ist. Was mich anfangs frappirte ist, daß kein Mensch von den Eingeborenen je den Mund zu macht.

Nach dreistündigem Ritt kamen wir einigermaßen steif nach Mena-House zurück, wo ich mich bei Gfin. De la Gardie auf einer schattigen Terrasse angesichts der Pyramiden mit Thee erfrischte. - Auf der Rückfahrt zeigte man uns einen Schakal im Korn, aber es war schon düster und hätte ebenso gut jeder andere gelbliche Gegenstand sein können. - Da der Prinz noch in Sakkara war - trotz aller Mühe bekam er statt Schakale nur einige simple Enten - dinirten Kgl. Hoheit und ich allein.
Um 9 Uhr holte uns Leyden zum Theater ab, wo eine mäßige Vorstellung von "Carmen" stattfand.